Cavallo: Auftritt von Audi-Chef bei Trump ist beschämend
Audi-Chef Döllner kündigt auf Trumps Wahlkampfbühne ein US-Werk an. Die Kritik reicht von «vor Scham im Boden versinken» über «höchst peinlich» bis zum Vorwurf kurzsichtiger Schadensbegrenzung.
Wolfsburg/Berlin (dpa) - Nach dem gemeinsamen Auftritt mit US-Präsident Trump, bei dem Audi-Chef Gernot Döllner den Bau eines US-Werks angekündigt hat, prasselt Kritik auf den Manager ein. Neben VW-Konzernbetriebsratschefin Daniela Cavallo und der IG Metall meldet sich auch Grünen-Politiker Anton Hofreiter zu Wort. Audi opfere das letzte bisschen soziale und politische Verantwortung, sagte er dem «Kölner Stadt-Anzeiger».
Trump hatte am Samstag überraschend den Bau eines Audi-Werks in Perry im US-Bundesstaat Georgia angekündigt. Döllner trat anschließend auf die Bühne und dankte dem US-Präsidenten für dessen Unterstützung. Der Chef der VW-Tochter ist auch Mitglied im Wolfsburger Konzernvorstand.
«Aktive Wahlkampfhilfe» für Trump
«Etliche Minuten voller Rassismus, Sexismus, Fremdenhass, Transphobie, Verächtlichmachung der Demokratie - und dann tritt einer unserer obersten Konzern-Repräsentanten auf die Bühne und betreibt aktive Wahlkampfhilfe», sagte Daniela Cavallo in einem internen Interview, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Wer die Rede von Trump gehört habe und habe wahrnehmen müssen, dass Döllner zum aktiven Teil dieser Veranstaltung geworden sei, müsse vor «Scham im Boden versinken».
Cavallo sparte auch nicht mit Kritik am gesamten VW-Konzernvorstand um Chef Oliver Blume. Von Trump, «einer höchst zweifelhaften politischen Figur, die gegen so ziemlich jeden unserer Unternehmenswerte verstößt», habe sich der Vorstand «zur Marionette in dessen Propaganda-Show machen lassen». Dass umgehend erste Vergleiche zur VW-Geschichte gezogen würden, spreche für sich. Es sei ein Spiel mit dem Feuer. Volkswagen ist in der Nazi-Zeit gegründet worden und diente dem Regime von Adolf Hitler als Vorzeigeunternehmen.
Auch aus der IG Metall kommt Kritik: «Die Art und Weise, wie Gernot Döllner sich und Audi in den USA präsentiert hat, ist höchst peinlich, politisch inakzeptabel und dem Unternehmen, vor allem aber den Audianerinnen und Audianern, nicht würdig», sagt Christiane Benner.
Knapp vor US-Zwischenwahlen
«Als Erste Vorsitzende der IG Metall, einer Gewerkschaft die für Solidarität, Demokratie, Offenheit und gegen jede Art der Menschenfeindlichkeit steht, stößt mir ein solches Verhalten persönlich nicht nur sauer auf, ich verurteile es klar.» Döllner verletze zudem eklatant die eigenen Unternehmensregeln, die ausdrücklich politische Neutralität im Vorfeld von Wahlen verordnen. Die US-Zwischenwahlen finden bereits am 3. November statt.
Das kritisiert auch Cavallo: In den drei letzten Monaten vor Wahlen seien öffentlich wirksame Termine mit zur Wahl stehenden Politikern untersagt. Döllner habe diese Prinzipien erst vor wenigen Monaten unterschrieben. Hier liege «sicherlich ein klarer Verstoß» vor.
Auf Seite 34 dieser Richtlinien heißt es zum Thema politische Neutralität: «Um diesen Grundsatz zu respektieren, werden in den drei letzten Monaten vor Wahlen keine öffentlich wirksamen Termine mit zur Wahl stehenden Parteien/Politikern und keine Sponsorings von entsprechenden Veranstaltungen mehr durchgeführt.»
Audi will in den USA produzieren
Die Ingolstädter wollen in Georgia jährlich 200.000 Sportgeländewagen (SUV) produzieren. Geplant sind Investitionen in Höhe von vier Milliarden Dollar (rund 3,6 Milliarden Euro), 4.500 Arbeitsplätze sollen entstehen. Audi nennt 2027 als Baubeginn, der Produktionsstart soll Anfang der 2030er Jahre erfolgen. Es wäre das erste Werk der VW-Premiumtochter in den Vereinigten Staaten.
Die Pläne für ein Audi-Werk in den USA bewertet die VW-Betriebsratschefin nüchterner als den Auftritt Döllners. Rein betriebswirtschaftlich könne das Sinn ergeben, sagte Cavallo. Der US-Markt zähle zu den größten und lukrativsten der Welt, der Marktanteil von VW sei dort aber immer noch viel zu klein. Zugleich seien die Zölle wegen Trump hoch und kosteten den Konzern Milliarden. Es spreche vieles für eine verstärkte Fertigung in den Vereinigten Staaten. Nach Audis Ankündigung seien aber noch viele Fragen offen - etwa, ob es im Gegenzug Zollerleichterungen für den gesamten VW-Konzern gebe. Ebenso unklar sei, wie belastbar solche Zusagen über einen möglichen Regierungswechsel hinaus wären.
Auch der Vorsitzende des Audi-Gesamtbetriebsrates hatte betont, dass noch keine belastbare Entscheidung vorliege und die zuständigen Unternehmensgremien noch keine abschließenden Beschlüsse gefasst hätten.
Grünen Politiker Hofreiter lässt dagegen kein gutes Haar an den Plänen: «Audi baut ein Werk in Georgia - und verkauft das als Zukunftsstrategie. Tatsächlich sieht es eher nach kurzsichtiger Schadensbegrenzung aus.» Bei der Elektromobilität habe der Konzern wertvolle Zeit verloren. «Jetzt soll der US-Markt retten, was die eigene Strategie bislang nicht geliefert hat. Dafür das letzte bisschen soziale und politische Verantwortung zu opfern ist bezeichnend.»
Noch keine Zustimmung von VW-Aufsichtsrat
Innerbetrieblich stellt Cavallo klare Bedingungen. Für die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat komme eine neue US-Fabrik - ganz egal von welcher Marke - nur dann infrage, wenn man Klarheit über die Auswirkungen für die übrigen Werke hätte, insbesondere in Deutschland. «Ohne ein Gesamtbild zur Planungsrunde mit dem Gesamtblick auf alle Standorte geben wir kein grünes Licht. Das heißt im Umkehrschluss, dass eine Entscheidung erst noch aussteht», sagte Cavallo. Ob man der Option für den Neubau am Ende zustimmen werde, sei offen.